Eine verletzte Person liegt irgendwo im Gebirge – wie
findet die Crew eines Rettungshubschraubers in wenigen Minuten einen Punkt,
den sie noch nie gesehen hat?
Ein Notarzthubschrauber im Alpenraum: Die Crew navigiert mit Karte, Koordinaten und Ortskenntnis – jede Minute zählt.
Darum geht es in diesem Kapitel:
Mit dem Gradnetz benennst du jeden Punkt der Erde –
ganz genau. Höhenlinien und
Höhenstufen zeigen dir das Gebirge auf einer
flachen Karte. Aus Maßstab, Entfernung und Tempo
rechnest du die Flugzeit aus. Und du erfährst, wie die
Flugrettung in Österreich, Deutschland und der
Schweiz aufgebaut ist.
🎮 So arbeitest du mit der Simulation:
Du übernimmst einen Rettungshubschrauber. Jeden Einsatz arbeitest du in
sechs Phasen ab: Einsatz wählen · Route planen · Start · Kartenflug ·
Landung mit Seilwinde · Auswertung. 25 Einsätze in allen neun
Bundesländern warten auf dich – vom Skiunfall in Damüls bis zur Seerettung
am Bodensee. Die Leitstelle spricht mit dir. Sie nennt dir Richtung und
Entfernung zum nächsten Wegpunkt. Pilotin Marlene erklärt dir am Anfang
alles Wichtige. Du startest an echten Stützpunkten – zum Beispiel C8
Nenzing oder C9 Wien-Baumgasse.
Das Gradnetz auf dem Globus: Breitenkreise und Längenhalbkreise machen aus der Kugel ein Koordinatensystem.SEITE 1 · GRADNETZ
1 · Das Gradnetz: Eine Adresse für jeden Punkt der Erde
Auf einer Kugel gibt es kein „oben links". Damit man trotzdem jeden
Punkt eindeutig benennen kann, legt man ein gedachtes Netz über die Erde:
das Gradnetz. Die Breitenkreise verlaufen parallel zum Äquator und zählen von 0° am Äquator bis 90° an den
Polen. Die Längenhalbkreise verlaufen von Pol zu
Pol und zählen vom Nullmeridian in Greenwich (London) bis 180° nach Osten
und Westen.
Zwei Zahlen ergeben so eine weltweit eindeutige
Koordinate: Wien liegt bei etwa 48° Nord und
16° Ost, Bregenz bei etwa 47° 30′ Nord und 9° 45′ Ost. Für
genauere Angaben teilt man jeden Grad in 60 Minuten (′) und jede
Minute in 60 Sekunden (″) – so lässt sich ein Punkt bis auf wenige
Meter genau beschreiben. Genau so gibt eine Leitstelle der Flugrettung
eine Einsatzkoordinate durch.
Dein Smartphone kennt seine Position immer.
GPS-Satelliten senden Zeit-Signale aus dem Weltall.
Aus diesen Signalen berechnet dein Handy seine Koordinaten. Das steckt
hinter jeder Karten-App und hinter jeder Ortung im Notfall.
Zwei Zahlen genügen: Jede Karten-App zeigt die eigene Position als Koordinate im Gradnetz an.
Merke: Breitengrad zuerst (Nord/Süd),
Längengrad danach (Ost/West). Eselsbrücke: Die Breite liegt wie eine
Leiter-Sprosse quer, die Länge hängt wie eine Leiter-Stange
längs von Pol zu Pol.
📊 Echte Zahlen:
Der Äquator ist rund 40.075 km lang. Geteilt durch 360 Grad ergibt
das: 40.075 km : 360 ≈ 111 km – ein Grad Breite entspricht also
etwa 111 Kilometern.
🎮 In der Simulation: Die Leitstelle nennt dir
den Einsatzort – du musst ihn auf der Karte finden. In der
Routenplanung tippst du die Wegpunkte in der richtigen Reihenfolge an; die
📍 Übersichtskarte zeigt dir alle Stützpunkte und Einsatzorte im Land. Wer
wild herumklickt, verliert: Nach zu vielen Fehlklicks übernimmt die
Chefpilotin die Planung.
SEITE 2 · HÖHENLINIEN & HÖHENSTUFEN
2 · Höhenlinien und Höhenstufen: Das Gebirge auf der Karte
Eine topografische Karte zeigt das
Gelände – also Berge, Täler und Höhen. Aber wie bringt man einen
2.000-Meter-Berg auf ein flaches Blatt? Mit
Höhenlinien. Jede Linie verbindet alle Punkte
gleicher Höhe. Liegen die Linien eng beieinander, ist der Hang
steil. Liegen sie weit auseinander, ist er flach. Eine
Hubschrauber-Crew erkennt so in Sekunden, wo ein Grat, eine Schlucht oder
ein flacher Landeplatz liegt.
Mit der Höhe ändert sich auch das Klima. Pro 100 Höhenmeter sinkt die
Temperatur im Schnitt um rund 0,65 °C. Ein Berg trägt darum
mehrere Klimazonen übereinander. Diese
Stockwerke heißen Höhenstufen. Ganz unten
liegen Siedlungen und Obstwiesen. Darüber wächst der Bergwald. Ab der
Waldgrenze (je nach Lage etwa 1.700 – 2.200 m)
gibt es nur noch Almen und Matten. Ganz oben ist nur Fels, Schnee und
Eis. Diese oberste Stufe nennt man nivale Stufe – das Wort kommt
vom lateinischen Namen für Schnee.
Für die Flugrettung sind Höhenstufen Alltag. Ein Einsatz an der
Waldgrenze bedeutet andere Temperaturen, anderes Wetter und dünnere Luft
als im Tal. Oft gibt es dort keinen Platz zum Landen. Dann bergen die
Retter:innen die verletzte Person mit der Seilwinde.
Höhenlinien auf der Wanderkarte: Wo sie sich drängen, ist der Hang steil – wo sie fehlen, ist Ebene.Höhenstufen auf einen Blick: Tal mit Siedlungen, Bergwald, Almen über der Waldgrenze, darüber nur noch Fels.
📊 Echte Zahlen:
Temperaturabnahme im Gebirge: ø 0,65 °C je 100 m[8] · Waldgrenze in den Alpen: je nach Region
und Hanglage ca. 1.700 – 2.200 m[9]
🎮 In der Simulation: Viele Einsatzorte liegen
hoch: die Felswand im Rätikon, Skigebiete in Damüls oder Sölden, das
Kaisergebirge bei Kufstein. Beim Landen zählt das Gelände – je nach
Schwierigkeitsgrad (Einsteiger · Fortgeschritten · Profi) werden die Berge
rauer, der Wind böiger, und Seilbahnkabel kreuzen den Anflug. Die verletzte
Person wird wie im echten Einsatz mit der Seilwinde geborgen, wenn
keine Landung möglich ist.
✏️ Aufgaben:
AIm Tal auf 500 m hat es 18 °C.
Berechne die Temperatur auf dem Gipfel in 2.500 m Höhe.
(Rechenweg: 2.000 m : 100 m = 20; 20 · 0,65 °C = 13 °C Abkühlung.)
BSkizziere einen Berg im
Querschnitt und beschrifte die Höhenstufen von der Tallage bis zur
nivalen Stufe. Trage die Waldgrenze ein.
CWarum verläuft die Waldgrenze
nicht überall auf derselben Höhe? Nenne mindestens zwei Einflussfaktoren
(z. B. Sonnen- oder Schattenhang, Nord- oder Südalpen).
SEITE 3 · DISTANZ, RICHTUNG, ZEIT
3 · Distanz, Richtung, Zeit: Die Navigations-Rechnung
Drei Fragen beantwortet jede Navigation: Wie weit? In welche
Richtung? Wie lange? Die Entfernung liest man über den
Maßstab von der Karte ab: Bei 1 : 50.000
entspricht 1 cm auf der Karte 50.000 cm in der Natur – also 500 m.
Ein Hubschrauber fliegt dabei Luftlinie, den
direkten Weg –
Straßen, Pässe und Serpentinen zählen für ihn nicht. Genau das
macht ihn im Gebirge unschlagbar schnell.
Die Richtung beschreibt man mit den Himmelsrichtungen. Sie stehen auf
der Windrose – dem Stern aus Richtungen: Nord,
Ost, Süd, West und die Zwischenrichtungen (NO, SO, SW, NW). Profis
unterscheiden noch feiner, zum Beispiel Nord-Nordost. Ein
Kompass zeigt dir immer, wo Norden ist. In der
Luftfahrt gibt man den Kurs zusätzlich als Winkel von 0° bis 360° an.
Die Zeit liefert die Grundformel der Bewegung:
Zeit = Weg : Geschwindigkeit. Ein Notarzthubschrauber vom Typ
H135 fliegt rund 220 km/h, also etwa 220 : 60 ≈ 3,7 km pro
Minute. Vom Stützpunkt Nenzing zum Skigebiet Damüls sind es rund
18 km Luftlinie: 18 : 3,7 ≈ 5 Minuten Flugzeit. Ein Auto braucht
für dieselbe Strecke über kurvige Bergstraßen fast eine Stunde.
Karte und Kompass: Die Grundausrüstung der Orientierung – auch im GPS-Zeitalter Pflicht bei jeder Bergtour.
📊 Echte Zahlen:
Reisegeschwindigkeit Airbus H135 (Standard-Notarzthubschrauber in
Österreich): ca. 220 km/h[10] ·
Rechenbeispiel: 18 km : 3,7 km/min ≈ 5 min Flugzeit
Merke: Maßstab 1 : 50.000 heißt:
1 cm auf der Karte = 500 m in der Natur. Je größer die Zahl
hinter dem Doppelpunkt, desto kleiner der Maßstab – und desto
mehr Fläche zeigt die Karte.
🎮 In der Simulation: Genau diese Angaben
bekommst du von der Leitstelle: „Von Nenzing Richtung Nord-Osten,
ca. 12 km." Die Simulation arbeitet mit einer 16-teiligen
Windrose – jede Richtung deckt einen Sektor von 22,5° ab. Im Kartenflug
sagt der Pilot den Kurs zu jedem Wegpunkt an. Wer die Himmelsrichtungen auf
der Karte sicher lesen kann, plant die Route ohne einen einzigen
Fehlklick.
✏️ Aufgaben:
AAuf einer Karte im Maßstab
1 : 50.000 misst du 7 cm bis zum Einsatzort. Wie viele Kilometer sind
das in der Natur? (7 · 500 m = …)
BDer Hubschrauber fliegt
220 km/h. Berechne die Flugzeit für 33 km Luftlinie.
(33 : 3,7 ≈ … Minuten – runde sinnvoll.)
CEin Krankenwagen fährt
dieselben 33 km über eine Passstraße mit durchschnittlich 55 km/h.
Berechne seine Fahrzeit und vergleiche. Warum ist der Zeitvorsprung
des Hubschraubers bei einem Herzinfarkt entscheidend?
SEITE 4 · FLUGRETTUNG IM D-A-CH-RAUM
4 · Die Flugrettung in Österreich, Deutschland und der Schweiz
1983 hob in Innsbruck der erste Christophorus-Hubschrauber ab. Seither
ist in Österreich ein dichtes Netz entstanden – es deckt heute das ganze
Land ab. Die ÖAMTC-Flugrettung betreibt 17 ganzjährige
Christophorus-Stützpunkte mit 27 Hubschraubern. Sie reichen von C1
Innsbruck über C8 Nenzing im Walgau bis C9 in Wien-Baumgasse, wo der Heli
vom Dach startet. Im Winter kommen vier weitere Stützpunkte in den
Skigebieten dazu. 2025 flogen die Crews 21.650 Einsätze – rund 59
pro Tag. Den Heli ruft die Leitstelle immer dann, wenn es schnell gehen
muss: bei schweren Unfällen, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Oder wenn der
Rettungswagen den Ort schlecht erreicht.
Die Nachbarländer machen es genauso – nur in anderer Größe. Die
Schweizer Rega hat 14 Helikopter-Basen. Sie erreicht damit jeden
Punkt der Schweiz in 15 Flugminuten. Bezahlt wird sie von
3,7 Millionen Gönner:innen – das sind Menschen, die freiwillig Geld
spenden. In Deutschland teilen sich vor allem ADAC Luftrettung
(rund 60 Hubschrauber an 37 Stationen, ca. 49.000 Einsätze 2025) und
DRF Luftrettung (32 Stationen, rund 35.900 Einsätze) die Arbeit.
Jeder Hubschrauber trägt ein Kennzeichen wie ein Auto: OE-… steht für Österreich, HB-… für die Schweiz, D-… für
Deutschland.
Landeplatz am Krankenhaus: Das H markiert den Zielpunkt jeder Rettungskette aus der Luft.
Merke: Flugrettung ist ein
Standort-Netz: Die Stützpunkte sind so verteilt, dass jeder
Punkt des Landes in wenigen Flugminuten erreichbar ist – ein
geografisches Planungsproblem wie bei Feuerwehren oder
Krankenhäusern.
🎮 In der Simulation: Alle Stützpunkte sind
echt: Du startest je nach Einsatz von C1 Innsbruck, C3 Wiener Neustadt,
C6 Salzburg, C8 Nenzing, C9 Wien-Baumgasse, C10 Linz, C11 Klagenfurt und
weiteren Basen. Beim Missionsstart zieht die Simulation ein echtes
Kennzeichen aus dem Pool (z. B. OE-XE…) – so wie auch die realen Crews
ihre Maschinen je nach Wartung tauschen. Die 📍 Übersichtskarte zeigt dir
das ganze Stützpunkt-Netz Österreichs.
SEITE 5 · ALPINE GEFAHREN & NOTRUF
5 · Alpine Gefahren und Verantwortung: Wenn jede Minute zählt
Das Gebirge verzeiht wenig Fehler. Lawinen fordern in Österreich im 10-Jahres-Schnitt 16 Todesopfer pro
Winter. Die Winter schwanken aber stark: 2024/25 waren es acht, im
Winter darauf dreißig. Wie groß die Gefahr gerade ist, zeigt die
fünfstufige Lawinenwarnstufe. Die
Lawinen-Warndienste geben sie im Winter jeden Tag neu heraus. Schon
Stufe 3 („erheblich") ist ernst zu nehmen – hier passieren die meisten
tödlichen Unfälle. Dazu kommen plötzliche Wetterumstürze. Ein
sonniger Bergtag kann innerhalb einer Stunde in Nebel, Sturm oder Gewitter
kippen. Das ist gefährlich für Wandernde – und auch für den Hubschrauber.
Bei Gewitter, dichtem Nebel oder
Vogelschlag (ein Vogel prallt gegen den Heli)
stößt auch die Flugrettung an ihre Grenzen.
Deshalb gilt am Berg: Vorbeugen ist die halbe Rettung. Dazu
gehören eine gute Tourenplanung, der Wetterbericht und die passende
Ausrüstung. Und man muss wissen, wie man einen
Notruf absetzt – also richtig um Hilfe ruft. In
Österreich erreichst du mit dem Alpinnotruf 140 direkt die
Bergrettung. Der Euronotruf 112 funktioniert in ganz Europa. Er
wählt sich notfalls in jedes Handynetz ein, das er findet. In der Schweiz
rufst du die Rega unter 1414.
Und dann rettet Geografie Leben: Die Leitstelle fragt zuerst
„Wo genau sind Sie?" Wer seine Position nennen kann – Ortsname,
Wegpunkt, Hüttenname oder die Koordinaten aus der Karten-App –,
verkürzt die Suche von Stunden auf Minuten. Genau die Kompetenzen aus
diesem Kapitel machen im Ernstfall den Unterschied.
Wetterumsturz im Gebirge: Was eben noch Panorama war, wird in Minuten zur Gefahrenzone – für Wandernde wie für die Flugrettung.
Merke – der Notruf in 4 W-Fragen:Wo ist es passiert? Was ist passiert? Wie viele
Verletzte? Wer ruft an? – Und: nie auflegen, bevor die
Leitstelle es sagt.
🎮 In der Simulation: Im Kartenflug begegnen
dir die echten Gefahren der Flugrettung: Vogelschwärme,
Gewitterzellen und anderer Luftverkehr –
der Pilot warnt dich über Funk, ausweichen musst du selbst. Auf der
Planungskarte erscheinen Schlechtwettergebiete als graue Zonen. Und bei der
Windenrettung entscheidet ruhige Steuerung: Wind, Böen und Seilbahnkabel
machen die Bergung auf den höheren Stufen anspruchsvoll – wie im echten
Einsatz.
✏️ Abschluss-Aufgaben:
ANotiere die vier W-Fragen des
Notrufs und die drei wichtigsten Notrufnummern für den Alpenraum.
BDu bist auf einer Wanderung und
ein Mitglied deiner Gruppe verletzt sich am Knöchel. Beschreibe Schritt
für Schritt, wie du deinen Standort möglichst genau durchgibst –
mit und ohne Handy-Empfang am Unfallort.
C„Wer gerettet werden muss, soll
die Rettung selbst bezahlen." Nimm begründet Stellung: Vergleiche das
österreichische System (Versicherungen, Mitgliedschaften) mit dem
Gönner-Modell der Schweizer Rega. Welche Anreize setzt jedes Modell?
QUELLEN
Quellen & zum Weiterlesen
[1] ÖAMTC-Flugrettung: 21.650 Einsätze im Jahr 2025 –
oeamtc.at
[2] ÖAMTC-Flugrettung: Stützpunkte, Flotte und Geschichte (seit 1983) –
oeamtc.at
[3] Rega in Kürze: Basen, Einsätze, Gönner:innen, Notruf 1414 –
rega.ch
[4] ADAC Luftrettung: Einsatzbilanz 2025 –
luftrettung.adac.de
[5] DRF Luftrettung: Einsatzstatistik 2025 (via rth.info) –
rth.info
[6] Österreichischer Bergrettungsdienst: Notruf absetzen (140/112) –
bergrettung.at
[7] Österreichisches Kuratorium für alpine Sicherheit: Lawinenbilanz –
alpinesicherheit.at
[8] Planet Schule: Gebirgsklima und Höhenstufen in den Alpen –
planet-schule.de
[9] Deutscher Alpenverein: Höhenstufen der Alpen –
alpenverein.de
[10] Technische Daten Airbus/Eurocopter EC135 (H135) –
flugzeuginfo.net